Kein Verbot von konventionellen Estrichen in Deutschland

Verfasser des Beitrags: Dr. Unger, Donauwörth, Fachjournalist und Autor des FUSSBODEN ATLAS®

Wenn das Thema nicht so ernst wäre, könnte man meinen, das Skript für die Vorgänge der letzten Monate sei einem ‚Dreigroschen-Krimi’ entsprungen. Wollen wir das Geschehene der Reihenfolge nach betrachten:

Eine der Industrie nahestehende Vereinigung stellte bereits vor geraumer Zeit fest, dass Fließestrich von den Verlegebetrieben nicht so intensiv verwendet wird, wie man sich dies erwartet hatte. Mit dieser Schwierigkeit musste man sich bereits vor Jahren befassen, als das Produkt relativ frisch auf den Markt gekommen war. Auch damals gab es schon Estrichleger, die nicht bereit waren, konventionellen Estrich auf Fließestrich umzustellen. Zu groß waren bei Einigen die technischen Vorbehalte gegen das Produkt, die sich teilweise auch als ungerechtfertigt erwiesen. Ergo versuchte man damals (wie heute), den Fachmann zu umgehen. Statt den Estrichleger als Sprachrohr zu benutzen, machten Teile der Fließestrichindustrie Werbung direkt beim Kunden. Plötzlich konnte man in jedem Bausparkassenmagazin lesen, der konventionelle Estrich habe ausgedient und als neues ‚Hightechprodukt’ solle Fließestrich eingebaut werden. Damals waren zahlreiche Fußbodenfachunternehmer verärgert, weil plötzlich nicht mehr ihre Fachmeinung gefragt war, sondern vielmehr die umstrittenen Marketingaussagen einzelner Hersteller Vorrang hatten. Trotz der Bewerbung direkt beim Kunden konnten sich die Fließestriche aber nicht im gewünschten Umfang auf dem Markt durchsetzen.

Die Aufgabenstellung

Marktkenner schätzen, dass die Fließestriche heute einen Marktanteil von circa 25 bis 30 Prozent inne haben. Damit könnten alle Beteiligten gut leben, nicht jedoch Teile der Fließestrichindustrie.

Man sollte nicht vergessen, dass Calciumsulfat in nicht unerheblichem Umfang als Abfallprodukt anfällt. Man denke an die Fluorherstellung oder an die Rauchgasentschwefelungsanlagen. Die dort anfallenden Mengen müssen in irgendeiner Weise in der Bauindustrie untergebracht werden, da sie sonst teuer entsorgt werden müssten. Eine mögliche Verwendung ist eben genau der Calciumsulfatfließestrich. Die Preise für das Produkt sind folglich in den letzten Jahren ständig gesunken.

Die Idee

Nachdem auch dieser monetäre Anreiz nicht zu einer Erhöhung der Verwendungsquote geführt hat, kam nun den Verantwortlichen offenbar eine neue Idee: Was wäre, wenn es gelänge, den konventionellen Estrich als gesundheitsschädlich zu ‚outen’ und auf diesem Weg Fließestrich zum Standard zu machen? So wären viele Sorgen der Industrie in dieser Hinsicht gelöst. Gedacht, getan! Man sprach eine Körperschaft des öffentlichen Rechts an und fragte, ob es denn heute überhaupt noch ergonomisch vertretbar sei, konventionelle Estriche zu verlegen. Letztere nahm das Thema auf, führte entsprechende Untersuchungen durch und kam zu dem Schluss, dass die Verlegung von konventionellem Estrich körperlich anstrengender ist als die von Fließestrich. Um dies in Erfahrung zu bringen, wäre es allerdings nicht notwendig gewesen, umfangreiche und teure Untersuchungen durchzuführen, sondern es hätte ausgereicht, eine Umfrage unter den Estrichsachverständigen bzw. unter den Verlegebetrieben durchzuführen.

Gefahr

Zunächst wurden für die Untersuchungen keine Fachleute aus dem Gewerk eingeschaltet, welche beratend zur Seite hätten stehen können. Erst später wurden nach Vermittlung der Bundesfachgruppe Estrich und Belag und des BEB verschiedene Sachkundige der Branche mit einbezogen. Letztere versuchten seitdem, die Dinge ins rechte Licht zu rücken, was schließlich auch Erfolg hatte. Wenn es diesem Gremium jedoch nicht gelungen wäre, die Verantwortlichen zu überzeugen, so hätte die reelle Gefahr bestanden, dass die Verwendung von Fließestrich aus arbeitsmedizinischer Sicht als technischer Standard vorgeschrieben worden wäre und konventioneller Estrich dann nur noch als Sonderlösung bei Vorlage einer geeigneten Begründung erlaubt gewesen wäre.

Die hypothetischen Folgen

Was wäre die Folge gewesen, wenn in Zukunft Fließestrich als technischer Standard vorgeschrieben worden wäre?

Konventionelle Estrichleger lassen sich nicht von heute auf morgen zum Fließestrichleger umschulen. Diese Erfahrung haben wir als Firma bereits vor vielen Jahren gemacht, als wir versuchten, bestehende Kolonnen für die Verlegung von Fließestrich zu gewinnen. Unsere Mitarbeiter lehnten dankend ab und bestanden darauf, weiterhin konventionelle Estriche verlegen zu dürfen. Dies würde auch zum heutigen Zeitpunkt wahrscheinlich nicht anders sein. Wir haben auch bereits häufig versucht, gewerbliche Mitarbeiter für die Bauleitung oder Fachberatung zu gewinnen, was in der Regel ebenso scheiterte. Was hätten also diejenigen Mitarbeiter in Zukunft machen sollen, welche als Kernkompetenz das Verlegen von konventionellem Estrich aufweisen?

Präventive Maßnahmen statt Verbote

Es kam schließlich zu einem Spitzengespräch, bei dem Verantwortliche der Bundesfachgruppe Estrich und Belag, des BEB sowie des ZDB die Untersuchung zum Thema der körperlichen Belastung der Estrichleger erörterten. Es wurde an Hand von praktischen Beispielen aufgezeigt, dass die Untersuchung die Arbeitspraxis nicht repräsentativ und vollständig abbildet. Man einigte sich, den Bericht nicht zu veröffentlichen und stattdessen die Erkenntnisse zur Erarbeitung eines Hinweisblattes mit konkreten Maßnahmen zu nutzen. Aus diesem soll hervorgehen, wie die Arbeitsbelastung bei jeder Art von Estricharbeiten durch präventive Maßnahmen reduziert werden kann. Bereits im Internet veröffentlichte Teile oder Auszüge der Studie sind zu entfernen. Zur Erarbeitung des Hinweisblattes soll eine kleine Arbeitsgruppe bereits im Frühjahr 2011 zusammentreffen.

Verantwortung beim Fachbetrieb

Es muss Ziel sein, dass ausschließlich der jeweilige Fachbetrieb entscheidet, welche Lastverteilungsplatte von ihm empfohlen wird. Den Rest sollte der gesunde Markt regeln. Die Gesundheitsschutzvorschriften sind heute ohnehin sehr rigide, sodass die Mitarbeiter auch bei der Verlegung von konventionellem Estrich nicht über die Maßen belastet werden dürfen. Man denke z.B. an die Gewichtsreduzierung bei den Zementsäcken und an die Regelungen in Sachen ‚Chromat’.

Der vernünftige Unternehmer sollte in seinem eigenen Interesse, wie auch im Interesse seiner Mitarbeiter, darauf achten, dass bei der Verlegung von konventionellem Estrich alle Möglichkeiten genutzt werden, die Mitarbeiter zu schonen. Früher wurde der Zementmörtel noch in ‚Butten’ über Leitern mit Muskelkraft an die Verarbeitungsstelle gebracht. Viele der aktuell vorhandenen ergonomischen Schädigungen stammen aus dieser oder der darauf folgenden, noch sehr manuell geprägten Zeit, in welcher intensiv Gebrauch von der Schaufel gemacht wurde. Heute stehen uns hingegen leistungsfähige Pumpen, Schrapperanlagen, Beschicker und hochentwickelte Fließmittel zur Verfügung. Knieschützer, Staubmasken und Tellerglättmaschinen können zusätzlich dazu beitragen, die Belastung der gewerblichen Mitarbeiter zu reduzieren. Man sollte nach Möglichkeit auch versuchen, die Aufgaben innerhalb der Kolonne in regelmäßigen Abständen zu tauschen (‚rollierendes System’). Dies ist nicht nur im Interesse der Arbeitskräfte, sondern auch im Interesse des Fachbetriebs, da auf diese Weise die Mitarbeiter dem Arbeitsmarkt länger und gesünder zur Verfügung stehen. Diese Maßnahmen können sicherlich die meisten Betriebe umsetzen, wenn ein entsprechendes Bewusstsein für die Thematik vorhanden ist.

Zukunftsaussichten

In diesem Zusammenhang sollte man auch an die wirtschaftliche Zukunft der Estrichunternehmen und an die damit verbundenen Arbeitsplätze denken. Wenn z.B. vier Unternehmen bei einer Ausschreibung den Fließestrich XY anbieten, dann ist von vornherein klar, welche Firma den Auftrag erhalten wird. Nämlich die, welche den identischen Estrich zum günstigsten Preis angeboten hat. Die Preisspirale wird sich auf diesem Weg noch weiter nach unten bewegen.

Ich möchte in diesem Zusammenhang auch erwähnen, dass sich dieser Artikel nicht gegen die Fließestrichindustrie als Ganzes wendet – es gibt sehr viele anständige Firmen, denen es nicht im Traum einfallen würde, mit solchen Methoden Marktanteile zu gewinnen. Es gilt jedoch auch in Zukunft wachsam zu bleiben, so dass einzelne Interessenträger nicht erneut versuchen, die Thematik mit gleicher Zielsetzung nur in neuem Gewand zu präsentieren.

Derzeit haben wir die Möglichkeit, mit hoch spezialisierten maßgeschneiderten Lösungen auf die Anforderungen des wichtigen Renovierungsmarktes zu reagieren. Gerade zur Verwendung auf Holzbalkendecken bietet sich aus meiner Sicht Fließestrich wegen des Diffusionsthemas und der Abdeckungsproblematik eher als Notlösung an. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir mit Fließestrich allein nicht auf die Notwendigkeiten des Marktes reagieren können. Jeder Estrichtyp hat je nach Verwendungsbereich seine Berechtigung, entscheiden muss dies bei der Beratung die jeweilige Fachfirma

-und letztlich der Kunde.

 

Dipl.-Ing. (FH)
Architekt (baugew. tätig)
Dr. Unger

International tätiger Estrichexperte und Fußbodensachverständiger, Fachjournalist und Autor zahlreicher Fachartikel, Referent an mehreren Baufachakademien sowie Kammern und Gastdozent an verschiedenen Hochschulen, Leiter des internationalen Expertenkreises Fußboden, Mitglied des Normungsausschusses “Estriche im Bauwesen” (Sp CEN/TC 303) beim Deutschen Institut für Normung (DIN).

Kontakt:
Industriestraße 12
86609 Donauwörth
Tel. 0906/7 06 90 32
Fax 0906/2 33 70

Homepage: www.fussbodenatlas.de

 

 

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